Cottbus Nazifrei! – 2010 bis 2020.

Nach knapp 10 Jahren antifaschistischer Intervention in Cottbus, hat das Plenum von Cottbus Nazifrei im Februar 2020 beschlossen das Bündnis aufzulösen. Cottbus Nazifrei war ein emanzipatorisches Projekt in einer sehr heterogenen Zusammensetzung. Dresden Nazifrei als Vorbild, fanden sich Kirchenvertreter*innen, Autonome, Gewerkschafter*innen, Parteijugendliche, Umweltaktivist*innen, Globalisierungskritiker*innen, Friedensaktivist*innen und Kulturschaffende zusammen, um den Naziaufmarsch am 15. Februar in Cottbus mit Aktionen des zivilen Ungehorsams zu verhindern. Über die Jahre sind immer wieder neue Aktivist*innen dazugestoßen, andere gegangen und einige waren fast vom Anfang bis zum Ende Teil des Bündnisses. Einige von uns teilten die Erfahrungen extrem rechter Gewalt der 90er- und 2000er Jahre in Cottbus, die heute auch gerne als „Baseballschlägerjahre“ bezeichnet werden. Andere beteiligten sich als neu Zugezogene, um der bis heute fest verankerten Neonaziszene in Cottbus etwas entgegenzusetzen und die Atmosphäre in er Stadt zu verändern. In einer Stadt wie Cottbus, mit Menschen in unterschiedlichen und oft prekären Lebenslagen und einer hohen Fluktuation von jungen Aktivist*innen, ist es schon eine Besonderheit, dass Cottbus Nazifrei 10 Jahre Bestand hatte und so kontinuierlich arbeiten konnte. Im Folgenden soll nun zurück geblickt werden auf knapp 10 Jahre Cottbus Nazifrei. Das was war, hat die Stadt auf seine Art geprägt. Jetzt ist es Zeit für neue Projekte, die Cottbus in den schwierigen Zeiten völkisch-nationaler Bewegtheit und vor dem Hintergrund des Strukturwandels dringend braucht.

Naziaufmarsch verhindert!?

Das Ziel, der rechten Szene ein jährliches Event zu nehmen, wurde 2013 und letztendlich 2014 erreicht. Knapp 1.000 Menschen beteiligten sich damals an den von uns organisierten Blockaden des Naziaufmarschs und über 2.000 an den begleitenden Protesten. Gegen die NPD-Kundgebungen 2015 und 2016 hat sich das Bündnis gemeinsam mit dem Cottbuser Aufbruch unter dem Label „Cottbus bekennt Farbe“ an Protesten beteiligt. Nach dem Erreichen des Ziels wurde weiterhin die jährliche Nacht-Tanz-Demo organisiert. 2016 wurde CBNF zudem gegen die erstarkende AfD aktiv. Gerade im „Sommer der Migration“ 2016 konnte man durch die eigenen Aktionen darauf hinwirken ein „PEGIDA Cottbus“ zu verhindern und die Pogromstimmung gegen die Erstaufnahmeeinrichtung in Sachsendorf deutlich einzudämmen. Die Entwicklung rund um den völkischen Zukunft Heimat e.V. hat man 2017 vorhergesehen, konnte es aber nicht verhindern, dass sie in Cottbus Fuß fassen. Mit der „Leben ohne Hass“ Demo im Februar 2018 mit 2.000 Teilnehmer*innen wurde gemeinsam mit anderen ein bundesweit beachtetes Zeichen gesetzt.

Cottbus Nazifrei! hat die antifaschistische Kultur in der Stadt Cottbus für ein Jahrzehnt mitgeprägt. An den ursprünglichen Zielen von 2010 gemessen war das Bündnis erfolgreich, trotzdem hat sich in den letzten Jahren ein seit 1945 beispielloserer Rechtstrend entwickelt. Der zentrale Akteur ist die AfD und ihre neurechten Vorfeldorganisationen. Sie arbeiten eng mit der klassischen Naziszene zusammen. Mit dem Wandel der Akteure von der NPD zur AfD und dem Auftreten als vermeintlich „gewaltfrei“ auftretenden „Bürgerbewegung“ haben sich die Bündnisse und auch die eigenen Taktiken verändert. Massenhafte Blockaden und Aktionen des Zivilen Ungehorsam zu organisieren, wurden durch die Kurzfristigkeit der AfD und Zukunft-Heimat-Demos immer schwieriger. Gegenproteste in Form von bspw. Fahrraddemonstrationen waren zunächst unsere Antwort. Der Anspruch des Bündnisses Cottbus Nazifrei Naziaufmärsche in Cottbus zu verhindern konnte allerdings nicht mehr erfüllt werden.

Neuer Gegner*innen, neue Strategien

Während es in den ersten Jahren darum ging mit einem breiten Bündnis einen Damm gegen die NPD zu verteidigen, geht es in den letzten Jahren immer mehr darum das Einsickern der blau-braunen Brühe in die gesellschaftlichen Strukturen zu verhindern. Gegenprotest sind hier immer noch wichtig, aber der Fokus liegt jetzt mehr auf den Institutionen und auf der Art wie Debatten geführt werden, denn hier verfolgt die AfD das Ziel einer schleichenden Normalisierung und einer Anschlussfähigkeit ihrer menschenverachtenden Positionen. In der Auseinandersetzung mit den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen und der eigenen Struktur hat sich Cottbus Nazifrei von seiner zugefallenen Rolle als Protest-Organisation gegen jegliche faschistische Aktivitäten gelöst. Es wurde bewusst Raum für andere Akteure gelassen. Dieser Raum wurde u.a. von der „WannWennNichtJetzt-Kampagne“ und dem „Appell von Cottbus“ ausgefüllt. Aus dem Stand wurde dabei eine Breite erreicht, die Cottbus Nazifrei und auch der Cottbuser Aufbruch in ihrer Funktionsweise allein so vermutlich nicht erreicht hätten.

Eine Prognose, wie es jetzt in den kommenden Jahren weitergeht können wir nur schwer abgeben. Viel hängt davon ab, ob sich die extreme Rechte in und rund um die AfD weiter reorganisieren kann und ob sie es schafft Anschluss an rechte Kreise und Diskurse in anderen Parteien und Medien zu gewinnen. Die Neonazi-Szene wirkt momentan in Cottbus vor allem im Bereich der (Sub-)kultur und versucht damit immer wieder in breitere gesellschaftliche Bereiche vorzudringen. Diese Strategie der schleichenden Normalisierung wird leider immer noch zu selten erkannt und zu zaghaft bekämpft. Dies ist der Nährboden auf dem rechter Terror wie in Hanau oder Halle gedeiht.

Intersektionale Allianzen aufbauen

Mindestens genauso wichtig finden wir aber, dass wir immer auch auf uns selbst schauen und uns nicht nur an unseren Gegner*innen abarbeiten. Welche Ziele verfolgen wir? Wie bilden sich unsere Ziele in unserer Praxis ab? Mit wem und wie können wir uns verbünden und dadurch neue Handlungsmöglichkeiten gewinnen? Wir wünschen uns, dass die Auflösung von Cottbus Nazifrei dazu führt, dass sich neue zivilgesellschaftliche Allianzen bilden aus denen eine Bewegung entsteht, die Antifaschismus mit feministischen, antirassistischen, ökologischen und sozialen Kämpfen verbindet.

Die Kanäle von Cottbus Nazifrei bei Facebook, Twitter, Instagram usw. sollen perspektivisch als Plattform für zivilgesellschaftliches Engagement in Cottbus genutzt werden, um emanzipatorische Aktionen und Inhalte unterschiedlicher Akteure weiterzuverbreiten.

Wer sich selbst im Sinne eines gesellschaftlichen Antifaschismus engagieren möchte, dem empfehlen wir die folgenden mit uns verbundenen und befreundeten Gruppen und Organisationen: Aktionskollektiv Cottbus, Amnesty International Cottbus, Appell von Cottbus, Chekov, Förderverein Cottbuser Aufbruch, Ende Gelände Cottbus, Galerie Fango, FlumiCo, Frauenkollektiv Cottbus, Geflüchtetennetzwerk Cottbus, Muggefug, Stadtpromenade für Alle, ver.di oder eine andere Gewerkschaft und, wer mag, die Partei-Orts- oder Jugendgruppe seiner Wahl.

Natürlich wollen wir uns an dieser Stelle auch nochmal bei allen beteiligten Aktivist*innen und Bündnispartner*innen der letzten 10 Jahre bedanken: für die persönlichen Risiken, die Bezugsgruppen bei den Blockaden auf sich genommen haben, für die Geduld auf den oft viel zu langen Plenas, das Kochen von KüfAs, das Anmelden von Aktionen und die nicht immer leichten Verhandlungen mit Behörden und Polizei, das Verwalten unserer digitalen Kanäle und Kontakte, die Moderation und vielen bewegenden Redebeiträge, die Bands und DJanes, die gemeinsame Freude und den emotionalen Halt.